Hirtenbrief zur Gremienwahl am 24. Januar 2021

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

am 24. Januar 2021 werden in unserem Bistum die Gremien neu gewählt. Für die Gestaltung der Gremien haben wir viel investiert, haben Gremienmitglieder befragt, die Befragung ausgewertet und unsere Ordnungen angepasst. Sie wollen unterstützen, dass unsere Kirche, ja das Evangelium vor Ort ein Gesicht bekommt. Mitten in diesen Aufbruch kam das Corona-Virus, das sich wie ein schweres Kreuz über unsere Welt gelegt hat. Es bringt weltweit Krankheit, Tod und Trauer über die Menschen. Viele Menschen leben in beständiger Angst vor einer Infektion. Die wirtschaftlichen Konsequenzen der Infektionsschutzmaßnahmen betreffen weltweit vor allem die armen Menschen.

Viele fragen nach der Ursache für die Pandemie. Die nüchternen Naturwissenschaftler möchten wissen, ob das Virus aus einem Labor stammt oder ob es von Tieren auf Menschen übertragen wurde. Die Ängstlichen suchen mitunter Rat in allen möglichen Verschwörungstheorien. Mich erschreckt besonders, dass nicht wenige an eine jüdische Weltverschwörung glauben. Solche Behauptungen haben in der Geschichte unendliches Leid über die Juden gebracht. Gläubige Menschen machen Gott für die Seuche verantwortlich und verstehen sie als eine Strafe Gottes. So hat zwar Israel in der Bibel Katastrophen und Niederlagen verstanden, aber Corona als Strafe Gottes wäre absolut ungerecht, weil das Virus heiligmäßige Menschen genauso trifft wie schwere Sünder. Für mich ist das Virus – wie ich eingangs sagte – ein schweres Kreuz. Ich kann es genauswenig schlüssig erklären wie das Kreuz Jesu Christi, an dem sich Schmerz und Leid, Ungerechtigkeit und Brutalität ausgetobt haben. Paulus schreibt im Römerbrief, „dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt“. (Röm 8,22) Unsere Welt ist immer noch erlösungsbedürftig. Diese Erlösung, die mit dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi begonnen hat, ersehnen wir mit seufzendem Herzen, wie Paulus schreibt. (Röm 8,23)

Die Menschen fragen nicht nur nach den Ursachen der Pandemie, sondern sie leiden auch unter ihren Folgen. Auch in unserer Kirche verursacht das Virus massive und dauerhafte Schäden für das kirchliche Leben. Viele haben die gute Gewohnheit aufgegeben, sonntags den Gottesdienst mitzufeiern. Viele Gruppen können sich nicht mehr in gewohnter Weise treffen. Chöre können nicht mehr so proben und auftreten wie bisher. Besuchsdienste müssen neue Wege finden, um sich um alte, kranke oder hilfsbedürftige Menschen zu kümmern. Gruppenstunden und Freizeiten für Kinder und Jugendliche müssen abgesagt werden. Unser christlicher Glaube will uns zusammenführen. Und das geht jetzt nur noch sehr eingeschränkt.

Vor uns liegt die große Herausforderung des Wiederaufbaus. Das wird nur in einer recht verstandenen missionarischen Haltung und Begeisterung gehen. Die klugen Jungfrauen, von denen wir im heutigen Sonntagsevangelium gehört haben (Mt 25,1-13), können uns Vorbild sein. Sie hatten nicht nur einen langen Atem, sondern sie brannten für Jesus Christus – im Unterschied zu den törichten Jungfrauen, die wie schales Salz waren. Das Wort „töricht“ müsste wörtlich übersetzt „schal“ heißen, denn das griechische Wort bezeichnet in der Bergpredigt auch Salz, das seinen Geschmack verloren hat. (Mt 5,13) So können die klugen Jungfrauen uns motivieren, „Salz der Erde“ zu sein, wozu uns Jesus in der Bergpredigt auffordert. In dieser Haltung können wir an den Wiederaufbau des kirchlichen Lebens in den Pfarreien gehen.

Das Bild vom Bauen hat mich auch zum Leitwort des Kirchenentwicklungsprozesses in unserem Bistum inspiriert: „Achtsam weiterbauen“. Als Junge habe ich gerne mit Lego-Bausteinen gespielt. Wenn ich etwas Schönes gebaut hatte, habe ich mich daran gefreut und es allen gezeigt. Dann habe ich aber die Steine wieder auseinandergenommen, um etwas anderes bauen zu können. Auch im Wiederaufbau des kirchlichen Lebens sollten wir nicht alles einfach wieder so machen wie vorher. In einer Instruktion über die Pfarrgemeinde im Dienst der missionarischen Sendung der Kirche vom 20. Juli 2020 mahnt die vatikanische Kleruskongregation die Pfarreien in aller Welt vor der Gefahr „selbstbezogen zu werden und zu verkalken, indem sie Erfahrungen vorschlagen, die den Geschmack des Evangeliums und die missionarische Durchschlagskraft bereits verloren haben und vielleicht nur für kleine Gruppen bestimmt sind“ (Nr. 17). Jetzt ist die Gelegenheit, alte Zöpfe abzuschneiden und Neues auszuprobieren.

Die genannte Instruktion ermuntert zu neuen Wegen, traut sich aber nicht, neue kirchenrechtliche Wege zu beschreiten. Das ist viel kritisiert worden. Dabei wurde aber übersehen, dass die Instruktion deutlich die Perspektiven des Zweiten Vatikanischen Konzils aufzeigt. Da heißt es richtungweisend: „Kraft des Priestertums aus der Taufe sind alle Gläubigen dazu bestimmt, den ganzen Leib aufzuerbauen.“ (Nr. 109) Alle Getauften und Gefirmten haben teil am Priestertum Christi. Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen gründet wie das Priestertum des Dienstes (Lumen Gentium 10) auf Christus. Beide ergänzen einander. Deswegen möchte ich sehr eindringlich dazu aufrufen, sich in den Gremien der Pfarreien unseres Bistums zu engagieren. Am 24. Januar 2021 werden die Kirchenvorstände und die Kirchorträte gewählt. Bitte erklären Sie sich zur Mitarbeit in diesen Gremien bereit! Bringen Sie Ihre Talente ein! Die römische Instruktion schreibt im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils, dass die pfarrlichen Gremien „die Bedeutung des Volkes Gottes als Subjekt und aktiver Protagonist der missionarischen Sendung der Kirche verwirklichen kraft der Tatsache, dass alle Gläubigen die Gaben des Heiligen Geistes in der Taufe und in der Firmung empfangen haben“ (Nr. 110).

Zugleich danke ich allen, die sich bisher in den pfarrlichen Gremien engagiert haben. Sie haben Ihrem Kirchort in den letzten Jahren ein Gesicht gegeben und viel dafür getan, dass Jesus Christus an Ihrem Ort präsent bleibt. Ich danke auch allen, die im Wahlvorstand für den ordnungsgemäßen Ablauf der Wahlen Sorge tragen.

Es segne Sie alle der dreifaltige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Ihr Bischof Ulrich Neymeyr