„Lasst euer Leben um Gott kreisen“

Ein fiktiver Brief von Martin Luther an die Menschen heutemartin luther by albers heinemann cc0 gemeinfrei pixabay pfarrbriefservice 0
Pater Eberhard von Gemmingen SJ, www.katholische-hörfunkarbeit.de

 

In diesem Jahr gedenken Sie ja ausführlich der Reformation. Daher darf ich – Martin Luther – heute zu Ihnen sprechen.

Ich wundere mich, dass in Ihrer Gesellschaft Gott scheinbar eine so geringe Rolle spielt. Das war zu meiner Zeit und bei mir persönlich völlig anders. Mein ganzes Leben kreiste um Gott. Ich habe mit ihm gerungen, gekämpft, gestritten. Und ich habe ihn gesucht und geliebt. Mein ganzes Leben drehte sich um Ihn, den Professor Karl Rahner das „Unendliche Geheimnis“ nannte. Ihr müsst nicht meinen, dass das immer einfach war.

In Eurer Gesellschaft scheint Gott keine Rolle zu spielen. Vielleicht ist der Eindruck falsch. Aber es scheint Euch trotzdem ganz gut zu gehen.

Ich – Martin Luther – möchte versuchen, Euch ein wenig auf den Weg zu Gott zu bringen. Ich hab dazu in meinen Aufzeichnungen einige Sätze gefunden, die Euch vielleicht helfen können. Einmal hab ich geschrieben: „Nichts Lieblicheres ist einem Christen, denn denken, dass er  i n  Gott lebe.“ Ja – i n  Gott leben. Also Gott nicht ganz weit weg und ganz hoch droben. Sondern er ist wie eine schöne Wohnung, in der man wohnt.

Gott lehrt das Herz

Oder an anderer Stelle habe ich geschrieben: „Die menschliche Vernunft lehrt nur die Hände und die Füße, Gott aber das Herz.“ Gott ist keiner, der nur Gebote und Verbote erteilt. Diesen Eindruck habt Ihr vielleicht von Eurem Religionsunterricht. Nein, Gott ist für mich vor allem einer, der das Herz lehrt. Und sucht Ihr nicht alle auch in Eurer Welt einen Jemand, der das Herz lehrt?

Auch etwas Aufregendes habe ich gefunden: „Anfechtungen sind Umarmungen Gottes“. Irgendwann in meinen aufregenden Jahren ist mir die Einsicht gekommen: Das, was Dich verrückt zu machen scheint, eben die Vorwürfe, die Zweifel, die Fragen – das sind Umarmungen Gottes. Weil er mich so lieb hat, zwickt er mich aus Liebe – so wie eben Liebende manchmal nicht anders können als den anderen etwas zu zwicken, um ihre Liebe zu zeigen.

Und noch etwas ist mir klar geworden, wenn ich so an Nazareth, das Dorf in Galiläa denke: „Gott kam durch die Hintertür in die Welt“. Vielleicht müsst Ihr mal in Eurer elektronischen Unterhaltungswelt genau hinschauen, ob Gott auch nicht bei Euch durch Türen in die Welt kommt, die keiner beachtet.

Und da ist noch ein Wort, das das Vorgehen Gottes zeigt. Ich schrieb: „Wo Gott eine Kapelle baut, da baut der Teufel eine Kirche daneben.“ Manchmal ist das, was groß und himmlisch und toll ausschaut, vom Teufel. Ich weiß, Ihr tut Euch mit dem Gedanken „Teufel“ schwer. Aber dieses Wort will nur sagen: Nicht alles, was fromm aussieht, ist auch fromm.

Für ein schönes und sinnvolles Leben

Also ich möchte Euch sagen: Lasst Euer Leben um Gott kreisen, sucht ihn, fragt nach ihm, ringt mit ihm, schimpft mit ihm. Das macht Euer Leben reich und schön und sinnvoll.

Aber setzt auch Euren Verstand ein: Der Kosmos, in dem wir leben, ist im Lauf von Jahrmillionen immer komplexer geworden. Aus winzigen leblosen Anfängen sind komplexe lebendige Gebilde entstanden. Kann das Zufall sein? Soll man nicht eher vermuten, dass ein Geist dahinter steht? Ist es nicht gewagt anzunehmen, dass sich alles einfach von selbst und aus Zufall entwickelt hat? Das ist kein Argument, um zum Glauben zu zwingen. Aber es zeigt die größere Wahrscheinlichkeit, dass ein großer Geist die Welt auf den Weg gebracht hat.

Glaube an Gott ist gut für den Verstand und Glaube an Gott ist auch gut für das Herz. Es bleiben unzählige Fragen, allen voran die Frage, warum Gott das Leid zulässt. Mit diesen Fragen muss man leben. Sie bleiben offen. Aber – ich kann Euch nur sagen: Mit Gott lebt es sich wesentlich sinnvoller als ohne ihn. Ich hätte mein schwieriges Leben ohne ihn nicht gemeistert.

Ich wünsche Euch, dass Ihr Euer Leben fest machen könnt an Gott. Mein Zeuge ist Paulus: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“

Pater Eberhard von Gemmingen SJ
Quelle: Katholische Hörfunkarbeit für Deutschlandradio und Deutsche Welle, Bonn, www.katholische-hörfunkarbeit.de (link is external), In: Pfarrbriefservice.de

 

 

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